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Von Glühwürmern und anderen Monstern

Schon immer haben mich sowohl der Makrokosmos als auch der Mikrokosmos enorm fasziniert. Besonders gefangen genommen hat mich dabei immer die Vorstellung zweier koexistenter Lebewesen, die in ihrer schieren Körpergröße so unterschiedlich sind, dass sie sich gegenseitig gar nicht als Lebewesen wahrnehmen können. Etwa so wie wir Menschen und die Haarbalgmilben, die an den Haarwurzeln unserer Augenwimpern ihr bescheidenes Auskommen finden. Der Mensch einerseits kann die Haarbalgmilben mit bloßem Auge nicht sehen, so winzig sind sie. Die Haarbalgmilben andererseits können nicht ahnen, dass ihre Habitate winzigste Abschnitte eines für sie unvorstellbar großen Organismus sind. Ein Leben jenseits der unmittelbaren Umgebung unserer Augenwimpernwurzeln mag für die meist harmlosen Haarbalgmilben ebenso unvorstellbar sein wie für uns die Annahme, die Erde sei nur eine stecknadelkopfgroße Warze auf der Haut eines interstellaren Titanen. Darüber darf man schon mal meditieren.

Als Heranwachsende ereilte mich die Wunderwelt kleinen Lebens als sinnlich begreifbare Erfahrung zum ersten Mal in der Schule, und zwar im gymnasialen Biologieunterricht. Unsere Lehrerin gab uns eines schönen Tages die Hausaufgabe, einen so genannten „Heuaufguss“ anzusetzen. Dazu sollten wir drei Bananenschalen in einer ausgedienten Flasche mit einem halben Liter lauwarmem Wasser übergießen, und das Ganze dann drei Tage bei gehobener Zimmertemperatur offen stehen lassen. Den so entstandenen Sud sollten wir dann zur nächsten Unterrichtsstunde mitbringen.

Von Glühwürmern und anderen Monstern, Bild © Ka Lodger  www.ninc.at  www.nnw.at
Von Glühwürmern und anderen Monstern, Bild © Ka Lodger www.ninc.at www.nnw.at

Zum gegebenen Zeitpunkt erwartete jeden von uns an seinem Platz ein Lichtmikroskop, mit dessen Hilfe wir in der trüben Brühe auf die Suche nach irgendwelchen Kleinstlebewesen gehen sollten. Dabei hatte unsere Lehrerin so etwas wie Pantoffeltierchen, Geißeltierchen oder Rädertierchen im Sinn. Wir suchten eifrig und fühlten uns schon dem Nobelpreis nahe, wenn wir tatsächlich ein derartiges Tierchen auf dem Objektträger dingfest machen konnten. Es war sehr spannend, dem quicklebendigen Gewusel in dem Tropfen zuzugucken. Und zum ersten Mal in meinem jungen Forscherinnenleben hatte ich den Gedanken, dass diese geschäftigen Tierchen wohl keinerlei Ahnung davon haben, dass sie jetzt in diesem Moment von riesigen Augen angeglotzt werden, die zu noch riesigeren Lebewesen gehören. Das Gewimmel und Gewusel in der Probe auf dem Objektträger regte mich zu der Phantasie an, wie irgendein galaktisch großer Alien wohl unter seinem Mikroskop die Erde betrachten würde, und dabei ähnliche Gedanken hätte, wie ich jetzt. Heute weiß ich, den „Man in Black“ sei Dank, mehr dazu. Aber damals …

Meine spacigen Phantasien, angeregt durch all diese kleinen Wuseltierchen da in dem stinkenden Tropfen, fanden ein jähes Ende, als ich das Monstrum sah. Ein riesiges spiralförmiges Tier, völlig starr, aber hell wie die Sonne leuchtend, war in mein Blickfeld geraten. Mein ehrlich erstaunter Aufschrei ließ die Lehrerin herbeieilen.

Um Fassung ringend, berichtete ich von meiner Entdeckung, die die Pädagogin sofort persönlich in Augenschein zu nehmen wünschte. Sie klemmte ihr rechtes Auge vor das Okular, stutze einen Moment, und giftete mich dann an. „Sehr witzig, wirklich. Hahaha. Selten so gelacht.“ Mein vollends wahrhaft unschuldig verblüfftes Gesicht muss ihr dann aber gesagt haben, dass es nicht in meiner Absicht gelegen hatte, sie zu verscheißern. Sie wies mich daher an, mich mal spaßeshalber mit den technischen Merkmalen meines Lichtmikroskops auseinanderzusetzen, bevor sie sichtlich entspannt ihren Kontrollgang zwischen den Arbeitstischen fortsetzte.

Ich tat, wie mir geheißen, und fand -peinlich, peinlich- sehr schnell heraus, dass es sich bei dem von mir erspähten Monstrum um die Glühwendel der kleinen Glühbirne handelte, die das Licht für das Lichtmikroskop spendete. Ich hatte, um noch deutlicher sehen zu können, diese Lichtquelle zu nah von unten an den Objektträger herangeführt, und hatte dadurch unbeabsichtigt die Gelegenheit erhalten, die Glühwendel in Aktion in 500facher Vergrößerung zu bewundern. Jetzt stand ich natürlich ziemlich dumm da. Ja ja, ist ja gut. Die Glühwendel von der Wega. Ich hab’s ja verstanden. Warum tut sich der Erdboden eigentlich nie dann auf, wenn man vor Scham in ihm versinken möchte?

Aber meine Wissbegierde war geweckt. Zum nächsten Weihnachtsfest lag ein Lichtmikroskop für mich unter dem Weihnachtsbaum. Und ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr vor mir sicher, was sich auf einem Objektträger fixieren und unter die drehbaren Linsen schieben ließ.

Erster Gegenstand meiner privaten wissenschaftlichen Untersuchungen waren meine eigenen Haare. Du liebe Güte! Baumstämme waren das, mit Mark und mit schuppiger Rinde. Und wer jemals, so wie ich, den Spliss an seinen eigenen Haaren in der Form schwerster Sturm- und Bruchschäden an Bäumen gesehen hat, der wird nie wieder auf eine gute Haarpflege verzichten wollen.

Aber noch beeindruckender als mein Haar war ein Stubenfliegenflügel. Dieser Flügel hatte offensichtlich einem echten Monstrum gehört und war voller Haken, Borsten und Stacheln, die einen ausgesprochen intensiv aggressiven Charakter zeigten. Ich habe mich beim ersten Hingucken sehr heftig erschrocken und bin regelrecht vor dem Anblick geflüchtet, bevor dann letztlich doch die wissenschaftliche Neugier über den Grusel siegte. Nach meinem Studium war ich von Herzen froh, dass Stubenfliegen nicht größer sind, als sie sind.

Mit der Zeit hatte ich dann alles untersucht, wofür mein Lichtmikroskop geeignet war. Vom traditionellen Zwiebelhäutchen über alle möglichen Pflanzenpräparate bis hin zu tierlichen Präparaten. Und mit jedem Blick durch die enorm vergrößernden Okulare durfte ich in die Randbezirke des Mikrokosmos eintauchen.

Heute sehen wir in den wissenschaftlichen Publikationen ganz andere Ungeheuer. Da treten uns Hausstaubmilben in all ihrer erschreckend gepanzerten Wehrhaftigkeit entgegen und verhöhnen uns zugleich durch ihre massierte, aber unsichtbare Anwesenheit in unseren Wohnbereichen. Auch die reinlichste Hausfrau kann den Kampf gegen diesen übermächtigen Feind ohne spezielle Technologie nie gewinnen. Oder wir sehen unsere eigene Haut, so stark vergrößert, dass sie wie eine Gebirgslandschaft aussieht, aus der ein Haar wie ein riesiger alter versteinerter Baumstamm hervorragt. Unsere weißen glatten Zähne sind in Wirklichkeit raue Schotterpisten, in denen Bakterien mehr als genug Raum finden, um sich häuslich niederzulassen. Ich muss hier wohl nicht weiter ins Detail gehen.

Wenn man, wie ich, oft genug durch ein Mikroskop geschaut hat, bekommen viele Dinge eine ganz andere Relation. Kleines wird auf einmal befremdlich groß, und auch Großes kann man sich als ganz klein vorstellen. Alles ist immer nur eine Frage der Perspektive und der eigenen gewohnten Größenverhältnisse.

Jede dieser Welten folgt ihren eigenen Gesetzen, und ein Mensch wird wohl niemals hören können, wie Bakterien lachen – was ja durchaus nicht bedeuten muss, dass sie es nicht tun.

Möglicherweise wird auch der Alien, der uns interessiert studiert, zu dem Befund gelangen, dass es sich beim Menschen um eine nicht weiter beachtenswürdige Spezies mit vielen winzigen Individuen ohne erkennbare Intelligenz handelt. Dem würden wir selbstverständlich energisch widersprechen wollen, weil wir Menschen uns für etwas sehr viel Besseres als die üblichen Bewohner eines Heuaufgusses zu halten gewohnt sind. Aber würde es den gigantischen Alien wohl ernsthaft interessieren, was solche Mikroben wie wir wohl für ein Selbstverständnis haben?

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