Onlinespiele als Instrumente der Deeskalation
Es war mal wieder so ein Tag, an dem ich einen Mord hätte begehen können. Jeder kennt solche Tage. Wer etwas anderes behauptet, ist ein feister Lügner. Aber egal – meine Laune war auf einem Tiefststand, und meine Blutrunst dementsprechend hoch. Doch ich brüste mich gerne damit, ein friedfertiger Mensch zu sein, notfalls auch mit Blumen im Haar, um meinen nachhaltigen Pazifismus und Gewaltverzicht glaubhaft rüberzubringen. Was also tun in dieser perfiden emotionalen Zwickmühle des ganz alltäglichen Wahnsinns? Ich darf meinen Göttern aufrichtig dafür danken, dass es im Internet anonyme Onlineplattformen mit Onlinespielen gibt. Denn dort kann ich mich mit meiner Maus abregen und austoben, bis nur noch heiliger weißer Rauch aus meinen entlasteten Gehirnwindungen aufsteigt. Wollt Ihr wissen, was mich in den besonders demütigenden Momenten des Lebens besonders befriedet? Ich sag es Euch: Es ist Zombie Cricket.
Immer drauf auf die Omme!
Zombie Cricket ist einfach genial! Man muss kein Mitleid mit seinen Gegnern haben, weil die zum einen schon lange tot sind, und weil die zum anderen selbst auch kein Mitleid kennen. Außerdem sorgen die schnieke Sporttracht, die sterile Zeichentrickkulisse und die Stadionatmosphäre für eine gefühlt entmilitarisierte Atmosphäre, in der das Zielen auf die Zifferblätter der anbrandenden Untoten fast schon zu einer Sache der Ehre gerät. Außerdem bekomme ich mit jeder dritten überlebten Runde ein neues feuerstarkes Gimmick, mit dem das Metzeln auf die immer besser gewappneten Gegner immer mehr Spaß macht. Blut muss spritzen, hehehe! Und ehe ich weiß, wie es mir geschieht, verballere ich meinen gesamten über den Tag angestauten Unmut in harmlosem Farb- und Pinselstrich. Paulchen Panther, der ja auch schon mal zu drastischen Mitteln im Kampf gegen das Böse greift, wäre wahrhaft stolz auf mich. Und während ich der Mutter aller Zombies in der finalen Runde mit Brandbomben und anderen brachialen Wurfgeschossen den verdienten Garaus mache, fühle ich in sämtlichen Nervenfasern die wohltuende Entlastung sowie das willkommene Abebben sämtlichen persönlichen Aggressionspotentials. Jetzt bin ich innerlich befreit, und die Wolken des Ungemachs haben sich in harmlosen Wohlgefallen aufgelöst. Mit einem beglückten Lächeln auf den Lippen hole ich mir jetzt noch ein kleines Gläschen Wein und vergnüge mich mit einer Runde Mahjong. Danach vielleicht noch eine Partie Memory. Oder ein Spielchen Uno. Oder was halt sonst so meine nötige Bettschwere begünstigt. Schließlich muss ich morgen wieder früh raus und fit sein.
Fazit
Machen Online Blutspritzerspiele aggressiv? Im Normalfall ist das genaue Gegenteil der Fall. Denn wer sich virtuell austoben und dabei verausgaben darf, hat es als psychisch normalgesunder Mensch anschließend nicht mehr nötig, noch ein reales Fass aufzumachen. Wer allerdings „Born to Kill“ ist, der wird seine antisozialen Bestrebungen so oder so ausleben.
Leider.
Milla Münchhausen